Tageblatt 24 März 2006
Artikel von Lucien Montebrusco

Recht wenig Vertrauen in Mittal Steel
Die Luxemburger sind enger mit der Arcelor verbunden, als es der Politik vermutlich lieb ist. Mittal bringen sie wenig Vertrauen entgegen. Das geht aus einer Exklusivumfrage von TNS ILRES im Auftrag des Tageblatt hervor.
Würde der derzeitige Wirtschaftskrimi um den Luxemburger Stahlkonzern Arcelor verfilmt, er würde für volle Kinosäle sorgen. Der Kampf, den sich Mittal Steel und Arcelor liefern, ist in aller Munde.
Einer Umfrage von TNS ILRES zufolge wissen 89 Prozent der Bevölkerung vom Übernahmeangebot des britisch-indischen Stahlmagnaten auf die Arcelor. Bei den Luxemburgern sind essogar 98 Prozent.
Das Meinungsforschungsinstitut befragte im Auftrag des Tageblatt 577 Personen über 15 Jahre. Die Erhebung erfolgte im März. Mittal Steel hatte seine Übernahmeofferte am 27. Januar bekannt gegeben.
Mittal Steel hat mehrmals unterstrichen, im Falle einer Fusion würden alle sozialen Abmachungen eingehalten. Doch nur die wenigsten nehmen Mittal dieses Versprechen ab: 21 Prozent. Je älter die Befragten, um so skeptischer sind sie. Die Misstrauensrate steigt von 64 Prozent bei den15- bis 24-Jährigen auf 92 Prozentbei den über 65-Jährigen. Die Luxemburger sind misstrauischer (81 Prozent) als die Ausländer (69 Prozent).
Wenig glaubhaft wirkt auch Mittals Ankündigung, es würde zu keinen weiteren Restrukturierungen in Luxemburg kommen.83 Prozent sind vom Gegenteil überzeugt. Auch hier geben sich die älteren Semester pessimistischer als die jüngeren Jahrgänge.
Angesichts dieser Ergebnisse überrascht es nicht, dass man sich auch Sorgen über einen möglichen Arbeitsplatzabbau macht. 79 Prozent der Befragten sagten, sie befürchten in den Luxemburger Arcelor-Werken einen weiteren Stellenabbau im Fall einer erfolgreichen Übernahme durch Mittal Steel.
Sogar die Luxemburger Identität könnte angekratzt werden. 68 Prozent der Befragten meinten,die Übernahme könnte sich negativ auf das Selbstverständnis der Luxemburger auswirken. Ein Zeichen dafür, dass die Stahlindustrie nach wie vor als ein Grundpfeiler des Landes verstanden wird. Und das obwohl der Staat lediglich 5,6 Prozent des Kapitals besitzt, die Arbed längst nicht mehr so heißt und die Unternehmensgruppe den Löwenanteil ihres Umsatzes in der weiten Welt erwirtschaftet.
Die Ergebnisse der Umfrage dürften Regierung und Parlament, die sich aus der Übernahmeschlacht heraushalten wollen, zu denken geben. So mancher Luxemburger hätte sich wohl konkrete Handlungen zur Unterstützung der Arcelor erwartet. Eine andere Frage freilich ist, ob die Politik überhaupt dazu in der Lage ist.
Lucien Montebrusco

Mehr Informationen in der Tageblatt Ausgabe vom 24 und 25 März 2006